Episode 7 (70-79) (42-47)Südöstlich von London, zwischen 1-2 Uhr früh am Dienstag, dem 19. Dezember 1944: Der Pavlowsche Hund - Architektur |
Der Pavlowsche HundRoger und Jessica begleiten Pointsman zu einigen von der V-1 zerstörten Häusern, wo dieser vergeblich versucht, einen sprechenden Hund zu fangen:Why its Mrs. Nussbaum! Roger cries, the same way hes heard Fred Allen do, Wednesday nights over the BBC. You vere ekshpecting maybe Lessie? replies the dog. Roger can smell ether fumes quite strongly as he starts his cautious descent. (44)Pointsman bleibt dabei in einer comedy-artigen Szene mit dem Fuß in einer Toilettenschüssel stecken, nach Douglas Fowlers (p. 101) Ansicht faßt diese Szene Pynchons negative Einstellung gegenüber Menschen, die andere Lebewesen zu bloßen Objekten der Forschung degradieren, gut zusammen. Bei der Gestaltung des Romancharakters Pointsman hat sich Pynchon relativ eng an das historische Vorbild, den russischen Nobelpreisträger Ivan Petrovich Pavlov (1849-1936) gehalten. Auch Pointsman träumt vom Nobelpreis, den er wie sein Vorbild Pavlov erhalten möchte. Seinen Nobelpreis hatte Pavlov 1904 allerdings nicht für seine Forschungen mit Hunden, sondern für sein ursprüngliches Gebiet, die Mechanismen des Verdauungssystems bei den Säugetieren, erhalten. Nach Steven Weisenburger lief das Radioprogramm Allens Ally seit 1943 bei der CBS, nicht aber Mittwochabends bei der BBC, aber auch der sprechende Hund mußte die Sendung kennen, sonst hätte er auf Rogers Frage nicht die typische Antwort geben können, die Mrs. Pansy Nussbaum in der Serie stets gegeben hatte. Die Frage stellt sich, was Pynchon durch die Einbringung dieser durchaus verschiedenen Hunde in seinen Romanen aussagt, worum es ihm dabei geht. Nach meiner Einschätzung interessiert Pynchon das Verhältnis von Mensch und Hund zueinander, denn es ist ein explizites Beispiel für eine hierarchische Opposition (Herr und Diener). Das besondere an dieser Beziehung aber ist, dass sich der Hund vor gut zehntausend Jahren selbst domestiziert hat und nicht wie andere Nutztiere ursprünglich durch den Menschen zu dem gemacht wurde, was er heute ist. Interessanterweise bietet Gravitys Rainbow auch ein Beispiel dafür, wie Hunde sich selbst wieder auswildern und eigene, vom Menschen unabhängige Sozialstrukturen entwickeln (Episode 61) . Wen wunderts, wenn ein solcher Hund, allerdings ohne Sprachfehler und überaus gebildet, auch in Mason & Dixon wieder auftaucht, wohingegen Desmond, der sozusagen Vineland eröffnet und beschließt, verglichen mit Mrs. Nussbaum oder dem "Learned English Dog" (LED) aus Mason & Dixon ein eher konventionelles Exemplar seiner Gattung zu sein scheint. |
Architektur"Sie nähern sich einer breit hingestreckten Improvisation aus Backstein, einer viktorianischen Paraphrase dessen, was einst in gotischen Kathedralen kulminiert hatte - sich aber, in seiner späteren Zeit, nicht mehr aus dem Bedürfnis eines Aufstiegs durch Konstrukte schicklicher Verwirrung hinauf zum Gott der Spitze, sondern eher, in einer Unsicherheit über das Ziel, einem Zweifel am Ort dieses Gottes (oder, bei manchen, an dessen tatsächlicher Existenz), aus einer grausamen Verstrickung in sinnliche Augenblicke erhob, die niemand mehr zu übersteigen wußte und die die Intentionen der Erbauer beugten, weg vom Zenit, zurück zur Angst, zur simplen Flucht, in welche Richtung immer, vor dem, was die Rauchfahnen der Fabriken, die Auswürfe der Straßen, die fensterlosen Löcher der Mietskasernen, die achselzuckenden Riemenwälder der Transmissionen, die fließenden und geduldigen Schattenreiche der Rattern und Fliegen von der Aussicht auf Gnade in jenem Jahr berichteten." (77-78)Was für ein Satz! |